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Fit for Life: Schädelweh und Co.

Berühmte Menschen der Welt- und Kulturgeschichte wie Julius Caesar, Napoleon Bonaparte, Vincent van Gogh, Friedrich Nietzsche oder Daniela Katzenberger kennen sie: Kopfschmerzen. Neben dem Schwindel gehören sie zu den häufigsten Beschwerden, die Patienten bei ihrem Hausarzt oder Neurologen angeben.

Obwohl Kopfschmerzen lange das ungeliebte Kind der neurologischen Forschung waren, haben Wissenschaftler in den letzten 20 Jahren spannende Erkenntnisse zusammengetragen und unterschiedliche Formen sorgfältig klassifizieren können. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft unterscheidet derzeit mehr als 200 Kopf- und Gesichtsschmerzarten. Manche von ihnen sind sehr häufig und in der Allgemeinbevölkerung gut bekannt. Andere wiederum sind so selten, dass selbst Fachleute sie kaum zu Gesicht bekommen. 

Hätten Sie das gewusst?
Das Gehirn selbst ist völlig schmerzunempfindlich. Schmerzhaft sind allein die Hirnhäute, die das Gehirn umgeben. Diese werden überwiegend von dem sogenannte Nervus trigeminus innerviert (dem fünften der insgesamt zwölf Hirnnerven), welchem daher in der Pathophysiologie und der Therapie von Kopfschmerzen eine besondere Bedeutung zukommt. Frei nach einer Hobbydichterin: „Kopfschmerzen sind ein gutes Zeichen, denn ein Vakuum schmerzt nicht...“
 
Um bei der Vielzahl unterschiedliche Syndrome nicht den Überblick zu verlieren, bietet sich die Differenzierung in symptomatische und idiopathische Kopfschmerzen an.
 
Symptomatische Kopfschmerzen
 
Beim symptomatischen Kopfschmerz ist der Schmerz Ausdruck einer spezifischen Erkrankung. Beispiel hierfür sind Schädel-Hirn-Traumata, intrazerebrale Blutungen, Entzündungen der Hirnhäute oder seltener auch Hirntumoren. Diese Formen sollten rasch erkannt und je nach Ursache fachgerecht behandelt werden.
 
Trotz ihrer Seltenheit und potentiellen Gefährlichkeit sind sie relativ leicht zu diagnostizieren. Bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) oder die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) beziehungsweise Laboruntersuchungen helfen, die Ursache recht schnell einzugrenzen. Symptomatische Kopfschmerzen bilden sich relativ rasch aus und nehmen meist relativ schnell an Intensität oder Häufigkeit zu. Eine Redensart unter Kopfschmerzexperten besagt: Eine kurze Anamnese verlangt schnelle Handlung, eine lange Anamnese hat meist Zeit.
Hätten Sie das gewusst?
Obwohl es die häufigste Angst von Kopfschmerzpatienten ist: Hirntumoren sind eher eine seltene Ursachen für Kopfschmerzen. Nur etwa 50% der betroffenen Patienten geben Kopfschmerzen an. Viel häufiger bei Hirntumoren sind dagegen Sehstörungen, epileptische Anfälle oder fokale neurologische Ausfälle wie zum Beispiel Lähmungen. 
 
Beim Auftreten von Alarmsymptomen (Red Flags - Rote Flaggen - genannt), sollten Betroffene ihren Hausarzt oder besser direkt einen Neurologen aufsuchen:
 
  • plötzlicher Beginn bei bislang leerer Kopfschmerzanamnese
  • sich über kurze Zeit ändernder Schmerzcharakter, -dauer, -intensität 
  • neurologische Ausfälle, wie Lähmungen, Sehstörungen, Sprachstörungen

Idiopathische Kopfschmerzen

 
Beim idiopathischen Kopfschmerz ist der Schmerz selber das Syndrom. Typische Beispiele hierfür sind die Migräne oder der Spannungskopfschmerz. Sie können zweifelsohne einen großen Leidensdruck verursachen, sind aber aus neurologischer Sicht harmlos.
 
Migräne
 
Die Migräne ist eine periodisch wiederkehrende idiopathische Kopfschmerzerkrankung mit hoher Prävalenz (etwa zehn bis zwölf Prozent in den Industrienationen, Frauen doppelt so häufig). Es gibt derzeit kein technisches Untersuchungsverfahren, das das Vorliegen einer Migräne beweist. Die Diagnose wird allein aus der Anamnese gestellt. 
 
Die Migräne wird heute als komplexe zentralnervöse Erkrankung verstanden, bei der es im Hirnstamm zu einer Schwellenwertverstellung für die Schmerzwahrnehmung kommt. Eine niedrige Schmerzschwelle erhöht die „Empfindlichkeit“ Betroffener für bestimmte Ereignisse, die dann ihrerseits die eigentlichen Kopfschmerzattacken „triggern“: Hierzu gehören Stress, Schlafmangel, psychische Belastungen, meist auch Wetterumschwünge oder bestimmte Nahrungsmittel. 
 
Behandelt werden Migränekopfschmerzen akut durch einfache Analgetika wie Paracetamol, Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen, sowie Substanzen einer Wirkstoffklasse, den sogenannten Triptanen, die Anfang der 90er Jahre speziell für die Migräne entwickelt wurden. Bei häufigen Attacken (mehr als drei pro Monat) oder langen Attacken (länger als 48 h) ist die Gabe von sogenannten Prophylaktika sinnvoll, die in der Regel täglich eingenommen werden müssen. Diese unterbrechen die Attacke zwar nicht akut, reduzieren aber längerfristig deren Häufigkeit. 
Hätten Sie das gewusst?
Bei der Migräne stellt die Schmerzphase nur einen kleinen Teil der eigentlichen Erkrankung dar: Etwa  30% der Betroffenen beklagen bis zu 48 Stunden davor bereits Unwohlsein, häufiges Wasserlassen, Stimmungsschwanken oder Heißhunger (Prodromalstadium). Circa 15% der Migränepatienten berichten über visuelle Symptome in Form von Lichtbögen oder -blitzen, die den wenige Minuten später einsetzenden Schmerz ankündigen (Stadium einer visuellen Aura).
 
Spannungskopfschmerzen
 
Jeder, der schon einmal einen „Katerkopfschmerz“ hatte, kennt prinzipiell den Kopfschmerz vom Spannungstyp. Erst jedoch, wenn dieser regelmäßig und ohne äußere Trigger auftritt, ist er auch als Erkrankung zu werten. Der episodische Spannungskopfschmerz zählt mit einer Prävalenz von 40 bis 60% in Europa und den USA zu den häufigsten Kopfschmerzen überhaupt. Der chronische Spannungskopfschmerz ist mit 3% der Bevölkerung wiederum selten, dann jedoch verursacht er einen erheblichen Leidensdruck. Behandelt werden episodische Kopfschmerzereignisse mit einfachen Analgetika, ähnlich wie bei der Migräne. Triptane sind hier nicht wirksam. Chronische Formen müssen in der Regel immer durch Prophylaktika gelindert werden. 
 
Das Wort Spannungskopfschmerz ist übrigens historisch und auf die Annahme zurückzuführen, diese Kopfschmerzvariante ginge auf die Verspannung von Nacken- und Kopfmuskulatur zurück. Tatsächlich haben aber nur 50% der Patienten auch messbare Verspannungen. 
Was können Sie selbst tun?
Glücklicherweise gehören sowohl die Migräne als auch der Spannungskopfschmerz eindeutig zu denjenigen Kopfschmerzsyndromen, die man in der Regel gut selbst behandeln kann. Trotz unterschiedlicher pathophysiologischer Ursache ist beiden Formen ihr gehäuftes Auftreten unter Stress gemeinsam. Entsprechend sind eine Reihe nicht-medikamentöser Verfahren, die auf Stressreduktion und einen gesunden Lebenswandel abzielen, klinisch üblich und überdies wissenschaftlich als hilfreich belegt worden:
  • Ausdauersport, jedoch nur wenn er regelmäßig und moderat intensiv betrieben wird
  • Muskelrelaxation (nach Jacobson), ggf. auch andere Formen der Entspannung
  • Atemübungen: In einer Untersuchung unserer Arbeitsgruppe (AG Psychosozialer Stress und Schmerz) konnte festgestellt werden, dass eine bestimmte Forn der Tiefenatmung ebenfalls Schmerzempfindungen reduzieren half
  • Normalisierung der Lebensverhältnisse durch einen geregelten Tag-Nacht-Rhythmus, ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und - ganz wichtig - ausreichend Flüssigkeitsaufnahme, denn Durst und Dehydrierung steigern die Migränefrequenz.
Zu guter Letzt
 
Trotz Neigung zu Kopfschmerzen sollten Betroffene ihr Leben so gut es geht genießen und auf nichts verzichten. Wenn man ein paar Dinge beachtet, kann eine effektive Behandlung heute ein hohes Maß an Lebensqualität und -zufriedenheit herstellen. Wer seinem Schmerz dagegen zu viel Aufmerksamkeit schenkt, verstärkt ihn dadurch unter Umständen. Sigmund Freud, der ebenfalls regelmäßig unter Migräne litt und sich (daher) zwischendurch immer wieder zu einer allzu maßvollen Lebensweise kasteite, sagte einst: „Wer nicht trinkt und raucht, lebt auch nicht länger. Es kommt ihm allenfalls so vor...“
 
Autor: Priv. Doz. Dr.med.habil. Volker Busch ist Wissenschaftlicher Leiter der AG Psychosozialer Stress und Schmerz und Facharzt am Zentrum für Allgemeinpsychiatrie I und Psychosomatik am Bezirksklinikum Regensburg

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